Die Armbanduhr
Peter Stephan Jungk 

Die erste bekam ich als Siebenjähriger geschenkt – sie funktionierte nicht. Ausrangiert, nur zufällig noch nicht weggeworfen. Andrerseits: man wirft eine Uhr nicht weg. Ich sollte mit ihr spielen. „Nur zum Spielen!“ Eierschalenfarben das Zifferblatt, ein wenig fleckig. Silbrig glänzten die kleinen Zahlen unter Glas. Minuten- und Stundenzeiger mit der hervorgezogenen Krone zu bewegen: das allein schon begeisterte mich. Der schwarze Sekundenzeiger sah wie ein ausgerissenes Spinnenbein aus. Er blieb unbeweglich, so wild ich die Krone auch drehte. Das dunkelbraune, brüchige Lederband roch nach Früchtebrot, Lorbeerblatt. Ich betastete den Metall-rücken, las mit Mühe die Inschrift auf dem Gehäuse: Waltham, Massachusetts. Die Uhr ins Leben zurückzurufen, dahin pumpte mich mein Herz. Ich zog das Werk auf, legte das Gehäuse an mein Ohr. Stille. Starre. Klatschte in die Hände, rüttelte, schüttelte die Uhr, legte sie schließlich auf die Tisch-platte. Die Innenräder begannen zu atmen! Der Sekundenzeiger stach vorwärts, drehte sich im Kreis! Da schaukelte das Ineinander, Auseinander der Zahnräder, der Zugfeder, der Unruh – es schaukelte wie die Schaufelräder der Mississippi-Dampfer. Die erste Armbanduhr, die ich im Leben besaß, hat dann noch knapp zwei Stunden funktioniert. Ich besitze sie noch heute. In jeder meiner späteren Uhren steckt ein Stück der allerersten. Meine Mutter kaufte sie meinem Vater, am Tag nach der Eheschließung, in Washington D.C., am 22. April 1948. Warum bin ich hier? Was wird aus mir, künftig, wenn der Atem aussetzt? Ein Blick auf die Armbanduhr gewährt Linderung, läßt das unbegreifliche Aufderweltsein eine Spur erträglicher erscheinen. Nichts beruhigt mich mehr, als das Zeigerspiel meiner Uhr zu betrachten.